Fremdenlegion, da ist kein Platz für Mädchenkram!

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Es ist schon eine Weile her, dass ich meine Ausbildung zum „Krav Maga militarty Instructor“ mit Erfolg absolviert habe. Die Vorweihnachtszeit lässt kaum Platz zum Schreiben.

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Ich möchte auch nicht damit beginnen, zu erklären wer oder was die Fremdenlegion ist. Hier der Link zu Wikipedia 😉

Was die Fremdenlegion ist? Hier der Link zu Wikipedia 😉

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Die meist gestellten Fragen im Vorfeld waren:

  1. „Yasmin, wieso geht man da hin?“
  2. „Warum gehst Du als Frau dorthin?“
  3. „Darfst du da als Frau überhaupt mittrainieren oder guckst du nur zu?“
  4. „Kommst du auch wieder?“
  5. „Hast du keine Angst?“

 

Anhand dieser Fragen möchte ich hier meine Beweggründe schildern – und die Reaktionen meines Umfeldes gleich mit beschreiben.

  1. „Yasmin, wieso geht man da hin?“

In meinem Trainingsumfeld befinden sich mittlerweile viele Soldaten und Polizisten.  Alleine wäre ich nie auf die Idee gekommen zur Fremdenlegion zu gehen. Aber das Interesse meiner Kollegen (oder soll ich lieber „Kameraden“ sagen 😉?), bei der Fremdenlegion eine Nahkampfausbildung zu absolvieren,  hat mich angesteckt.

Mein Hauptbeweggrund war jedoch, die Kommentare meiner männlicher Kollegen, die ich als respektlos empfand, durch ein bei der Fremdenlegion erworbenes Zertifikat endlich  im Keim zu ersticken. Unter Kampfsport-Kollegen muss ich mir häufig Kommentare anhören wie: „Kung Fu ist schwul, Karate ist cool!“ Verblüffend dabei ist, dass es sich bei dieser Art von Kommentaren häufig um  Männer mit hohen Graduierungen handelt, die ihren Kommentar in „das war doch nur ein Scherz“ verpacken.

Ich trage  meinen schwarzen Gürtel nicht unter einem dicken Bauch. Ich trage auch keinen Bart. Das lässt  ab und an mal Debatten aufkommen, dass ich als Frau „gar nicht so doll zuschlagen“ könne „ wie ein Kerl“ oder doch noch zu jung sei, um einen Meistergrad zu haben und, und,  und….

Seit 17 Jahren höre ich mir diese Kommentare täglich an.  Daher packte mich der Ehrgeiz und ich nahm  mir vor: „Egal,  wie sehr es wehtun wird, egal, wie viele blaue Flecken ich mit nach Hause nehme, ich lasse mich als Frau dort ausbilden, wo manche Männer nicht hingehen, weil sie nicht Manns genug sind!“

Außerdem  entwickelte sich aufgrund der Reaktionen auf meinen Plan, zur Fremdenlegion zu gehen in meinem Umfeld für mich ein weiterer Grund:  Ich erinnere mich, dass mir in meiner Kindheit Fremde sagten, welche Fähigkeiten bei mir bis wohin reichen. Ich bin mittlerweile 32 Jahre und dachte ich hätte mich langsam aus dieser Situation befreit. Aber ich war geschockt, wie viele Menschen daran zweifelten, dass ich diese Ausbildung bei der Fremdenlegion durchhalten würde. Selbst einige meiner eigenen Schüler zweifelten..  Dadurch schärfte sich mein Motiv: jetzt erst recht…

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Unsere Fahrt dauerte knapp 19 Stunden. Wir fuhren mit einem Bus Richtung Nîmes, das in Südfrankreich liegt. Ich war am Steuer, als wir ankamen und ich fuhr auf das Gelände der Fremdenlegion. Das irritierte einige Soldaten leicht. Auf dem Gelände sind wir nicht lange geblieben, da wir auf einer Farm unterkommen sollten. Sie lag ca. 25 km von dem Stützpunkt entfernt, wo es nichts außer Felder gab. Die Ansage auf dem Stützpunkt war klar: „Es gibt keinen Platz für Mädchenkram bei der Fremdenlegion und wer „Mädchenkram“ braucht geht, sofort! Egal ob Mann oder Frau.“

Unser Zimmer war ein Rohbau, der durch die alten Spinte eine gewisse Aufteilung vorgab. Wir waren im vorderen Teil auf der linken Seite untergebracht und die Männer im hinteren auf der rechten Seite. Wir hatten das Glück, die Toiletten mit den „Opéral Chef“ teilen zu dürfen und nicht mit 40 weiteren Soldaten. Jedoch gab es für uns Frauen, im Gegensatz zu den Männern, Duschzeiten. Meine war von 6:10 – 6:20 Uhr. Diese musste  ich mir mit einer anderen teilen. Außer mir waren  nur noch zwei Kanadierinnen und 3 Französinnen vor Ort.

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Gegen 7:00 h gab es Frühstück und um 8:00 h wurde die Flagge gehisst, was ein morgendliches Ritual beinhaltete. Ob wir im Anschluss, mit oder ohne Gewehr,  lange oder kurze Laufstrecken liefen, lag einerseits an dem Nachtmanöver oder dem vorherigen Tag. Wir bekamen alle eine „Famas“, es ist ein Sturmgewehr,  das 1977 in die Serienproduktion ging und typisch für das französische Heer ist.

Dieses Sturmgewehr sollte uns über die gesamte Zeit bei der Fremdenlegion begleiten. Egal,  ob wir schliefen, aßen oder duschten, die Famas musste am Körper getragen werden.

 

Das Training wurde von Jean-Paul Jauffret geleitet,  der u.a. das 1ste REI und 2te REP im taktischen Krav Maga ausbildet. Die Professionalität des Trainings zeigte,  wie passioniert Jean-Paul seit Jahrzehnten seinen Job als Trainer ausübt. Detailreich und klar strukturiert gingen wir im Laufe der Woche Abwehrtechniken gegenüber Stock, Hand- Schusswaffen, Sturmgewehr und Techniken zur Festnahme mit Handschellen durch. Zudem gab es Stresstraining unter erschwerten Bedingungen: ohne Sicht, gegen mehrere Gegner gleichzeitig, mit Zusatzgewicht und anderes. Dies wurde mit verschiedenem Drill kombiniert. Das Training umfasste täglich ca. 6 – 7 Stunden.
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Nicht zu vergessen waren die Nacht Drills/Manöver. Unangekündigt wurden wir aus unserem Schlaf geholt, mal um 1:00 h mal um 3.00 h nachts und hatten dann zu reagieren. Es ging um das Absichern der Gebäude oder das taktische Vorgehen bei einem Überfall. War die Übung vorbei, gab es zu den Fehlerquellen noch eine Trainingseinheit direkt im Anschluss. Es kam mal vor, dass man nicht länger als 45 min. in der Nacht geschlafen hat.

Der Abschluss der Reise war der Marsch zurück zum Stützpunkt. Unser Marsch begann um 19:00h und endete gegen 1:30h. Danach legten wir uns einfach in unsere Schlafsäcke  und versuchten zu schlafen. Meine Kameraden schlafwandelten und sprachen während sie schliefen. Im Nachhinein können wir herzlich drüber lachen, aber in dem Moment wird einem schon anders. Zudem haben die Fremdenlegionäre versucht,  uns zu Trainingszwecken in der Nacht die Famas wegzunehmen. Sie  zogen umher und suchten mit Infrarot -Kameras zwischen uns nach den Waffen. Wenn man im Wald liegt und merkt wie jemand einen abtastet oder direkt neben deinem Kameraden steht, überlegt man sich wirklich zwei Mal jetzt aufzustehen und zu reagieren oder man tut einfach so, als ob man schlafen würde.  Die Müdigkeit, die gesamte Rastlosigkeit während des Aufenthaltes, die Kälte und der Mangel an Nährstoffen, zerrt sehr an einem. Nach dem Biwak startete das Prüfungstraining um 7.00h und war gegen 12:00h beendet.

Unser Alltag wurde von typischem militärischem Standard bestimmt. Was hieß: wenn gepfiffen wurde, läufst du so schnell es geht auf die Position, die dir zugesprochen wurde.  Sanktionen gab es bei Verlust der Famas oder ähnlichem immer fürs Kollektiv. Das Essen beschränkte sich auf Brot, Croissants, Baguette und einigen Dosen. Die Temperatur lag morgens bei ca. 3 Grad.

Der Umgang mit einer Schusswaffe sorgte für Aufregung und Irritation. Wobei ich auch feststellte, dass meine männlichen Kollegen für Fotos mit einer Schusswaffe Zuspruch erhielten. In meinem Fall passierte genau das Gegenteil. Das hatte ich schon in Israel Anfang des Jahres erlebt.

Zum Umgang mit einer Schusswaffe

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Mir war vor meinem Schießtraining nicht bewusst, welche gewaltige Energie hinter einer Schusswaffe steckt. Wenn in den Nachrichten berichtet wird, dass jemand erschossen wurde, habe ich nun ein anderes Verhältnis dazu als zuvor.  Auf ein Lebewesen zu zielen und abzudrücken ist dadurch noch viel unverständlicher geworden. Das wird bei einem GTA oder sonstigen Counterstrike-Zocker- Spielen nicht klar und es wird maßlos verherrlicht, was ich noch mehr verurteile als zuvor.

Selbstverständlich kann ich mich nicht zum Maßstab machen. Ich würde mir wünschen, dass alle einen gesteigerten Respekt gegenüber Waffen entwickeln. Gleichzeitig weiß ich, dass das naiv ist.  Es ist auch naiv, die Waffe als Trainingsequipment zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit anzusehen.  Das ist Schönrederei. Dafür wurde sie auch nicht konzipiert. Es ist ein Gerät zum Töten. Und dazu muss frau eine Haltung entwickeln.

Meiner Meinung nach ist es nicht so abwegig, dass die Situation eintreten kann, dass jemand mit einer Waffe auf mich zielt. Das haben Anschläge in der jüngsten Vergangenheit gezeigt. Ich möchte immer wissen, was in so einer Situation zu tun ist. Dafür ist es notwendig, die Funktionen einer Schusswaffe genau zu kennen, um angemessen reagieren zu können. Ich möchte nicht blind und tatenlos vor Angst im Notfall sein. Das bedeutet für mich also, ich muss die Waffe in die Hand nehmen, sie kennen lernen und sie zu Übungszwecken benutzen.

Diese möglichen Gefahrensituationen zu negieren und durch das Vertreten moralischer Werte zu ignorieren, halte ich für keinen konstruktiven Umgang mit der wahren Gefahr.

Ich bin dankbar dafür, den hochkompetenten Trainern der Fremdenlegion begegnet zu sein. Auch in ihnen habe ich gefunden, was ich selbst seit Jahren im Kung Fu erfahren habe und unterrichte: Der  Mensch kann durch Wissen und Training über sich hinaus wachsen. Ungesteuerte Emotionen sind die eigentliche Gefahr: Beim Gebrauch der Waffe, aber auch bei der unkonzentrierten Verteidigung. Eine Gefahr wird durch Wissen nicht kleiner. Aber die Möglichkeiten, ihr angemessen zu begegnen, nehmen beträchtlich zu. Darum bin ich für das Kennenlernen von Waffen.

Die Fremdenlegionäre sind nicht kaltblütig, sie sind professionell und sie sind fokussiert, können lachen, schwitzen und auch beim Wettlaufen gegen mich verlieren. Wer nur die Anstrengung bei dem Training sieht hat bereits verloren. Es geht nicht um das harte Training allein – wer den Sinn dahinter nicht sieht,  fällt verletzungsbedingt aus oder findet andere Gründe, nicht mitzuziehen. Aber wer wie diese Trainer die Perfektion in Personenschutz, Waffenumgang und Verteidigung ausbilden will, der ist dort genau richtig. Diese Ausbildung hat mich den Blick in eine faszinierende Welt tun lassen. Ich habe tiefen Respekt vor ihr und bin auch stolz darauf, für ein paar Tage Teil dieser Welt gewesen sein zu dürfen. Und das mit großem Erfolg: ich habe mein Zertifikat.

Letztendlich ist dieser Erfolg sogar wichtiger als irgendwelchen männlichen Skeptikern den Beweis zu liefern, dass ich als 32jährige es ebenso gut oder sogar besser kann als sie. Die Fremdenlegion ist eine altehrwürdige weltweitbekannte Institution auf dem Weg zu einem neuen, ermutigenden Image – und ich war dabei😉