Hallo mein Name ist AD(H)S und ich bin eine Erfindung von Mr. Eisenberg

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Vorab muss ich gestehen, dass mich das Thema AD(H)S persönlich sehr interessiert. Das „Warum“ werde ich noch näher erläutern.

Seit meiner Kindheit verfolgt mich dieses Thema zunehmend. Zudem beschäftige ich mich als Lehrerin gerne und viel mit Kindern, denen ein solches „Krankheitsbild“ zugesprochen wird.

Der Trend der AD(H)S-Krankheit wuchs in der Grundschulzeit meines kleinen Bruders, der 7 Jahre jünger ist als ich. Meine Oma nannte mich bis dahin liebevoll „den Zappelphilipp der Familie“ oder „unsere Sportskanone“. Da mein Bewegungsdrang überdimensional hoch war, beschloss mich meine Mutter, im Alter von fünf Jahren, in eine Leistungsgruppe für Sportakrobatik anzumelden, nachdem ich von dem Trainer als „Talent“ entdeckt wurde. Leider bestätigte sich seine Vermutung nicht, aber in der Gruppe bin ich trotzdem geblieben. Zu diesem Thema mehr, zur einer anderen Zeit.

Vier Mal die Woche, je 3,5-4,0 Stunden Training standen somit schon vor der Schule auf meinem Wochenplan.

Mein kleiner Bruder kam ein paar Jahre später in die Schule. Von da an sprachen wir Zuhause vermehrt von Kindern aus seiner Klasse, die eine besondere Krankheit hatten. Die auffälligen Kinder waren die, die stetig laut und wuselig waren (Vgl. Czerny 2011, S. 65) und den Unterricht damit störten. Diese Krankheit nannte sich „AD(H)S“. Bei den Erzählungen meines Bruders und meiner Mutter stellte sich mir schon damals die Frage: „Ja und? Das mache ich auch.“ Zudem muss ich sagen, dass ich nie frech war, aber mit meiner Zappeligkeit überwiegend negativ im Unterricht auffiel, sodass ich häufig dem Unterricht verwiesen wurde. Wieso waren diese Kinder krank und ich nicht? Wo war der Unterschied?

Nun sitze ich, nach meinem hart erarbeiteten Realschulabschluss, dem darauf gefolgtem Abitur und der anschließenden Ausbildung  zur Sport-/Fitnesskauffrau, in der Uni und bekomme erklärt wie die Symptome von AD(H)S aussehen. Und ja, ich sitze da und wackel mit den Beinen, wechsel meine Sitzposition bis zu 45 Mal in einer Stunde und habe immer noch, mit mittlerweile 33 Jahren, unheimliche Schwierigkeiten einem Monolog länger als 12 Minuten zu folgen.

Ich bin Hauptberuflich Trainerin, bewege mich jeden Tag mehr als das ich sitze. Falls ich dann mal sitze, fahre ich gleichzeitig Auto. Ich habe einen Alltag, der für viele Menschen viel zu anstrengend wäre, weil er so viel Bewegung beinhaltet. Für mich jedoch ist Bewegung der Motor, der meinen Kopf produktiv werden lässt. Der einen Ausgleich in mir schafft. Ein monotoner Job, stets am gleichen Ort, mit einer Tätigkeit ohne körperliche Bewegung, schreckt mich innerlich dermaßen ab, dass es für mich unvorstellbar ist, so einen Beruf ausführen zu wollen/können.

In der Universität komme ich da an Grenzen, so wie es schon in der Schule war. Wenn ich in dem Alter meines kleinen Bruders  gewesen wäre, hätten meine Lehrer meiner Mutter sicher dazu geraten, einen Arzt mit mir aufzusuchen. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit hätte ich nun auch die Diagnose AD(H)S „verschrieben“ bekommen. Bekanntlich können die Symptome durch Medikamente eingeschränkt werden.

Den Eines steht fest: Irgendetwas ist nicht ganz richtig, wenn man so ist, wie ich.

Forschungen sollen herausgefunden haben, dass es zu Fehlkommunikationen von Nervenzellen im Frontalhirn kommt, wenn man untere AD(H)S leidet. Gehald Hüther beschreibt wie diese Entwicklung bei Kindern stimuliert wird: Die Aktivierung der präfrontalen exekutiven Hirnfunktionen können durch Interaktionen in jungen Jahren stattfinden. Das kann durch Empahtie und einer Orientierung an Vorbildern passieren. Spricht man Kindern eigene Handlungsfreiräume, emotionale und soziale Bedeutsamkeit zu, entwickeln Kinder automatisch eine Orientierung zur Abschätzung von Folgen ihres Handelns. Hierfür diente eine Studie namens „Marshmallow“, die wir heute sogar in der Überaschunsg-Eier-Werbung widerfinden. Das Experiment bezog sich auf einen Raum, indem ein Kind mit einer Süßigkeit (damals: Marshmallow) alleine gelassen wurde mit dem Hinweis das, wenn es die Süßigkeit 10 Minuten nicht anfassen würde, es am Ende eine Zweite bekäme. Die Werbung profiliert sich mit dem Ergebnis, dass die Süßigkeit unwiderstehlich sei und diese sofort gegessen werden müsste. Zum Leid der Kinder. Es wird hier nämlich nicht weiter darauf eingegangen, was das Verhalten im Einzelnen widerspiegelt. Im wahren Experiment waren die Kinder, die ihre Handlung im Affekt nicht steuern konnten und die Süßigkeit aßen, die Benachteiligten/ die „Kranken“. Man untersuchte die Gruppe der Kinder, mit einer Folgestudie, nach 25 Jahren. Die Kinder, die im Affekt handelten und keine Rücksicht auf die Folgen ihrer Handlung legten, führten ein ungesünderes, erfolgloseres und ungebildeteres Leben.

Die Kinder, die ihre Handlungsfolgen einschätzen konnten und warteten, haben eine stärkere Stimulation im Frontalhin erlebt. Sie führten ein gesünderes und erfolgreicheres Leben, somit hat dies signifikante Auswirkungen auf das Leben. (Vgl. Hüther 2011) Die präfrontalen exekutiven Hirnfunktionen sind nach Gerald Hüther die Bereiche, die eine höhere Stimulanz benötigen. Dies kann jedoch nur durch Interaktion geschehen. Dafür benötigt man Interesse an dem Kind. Die Emphatie, diese Welt mit dem Kind zu entdecken. Das die folgenden Fehlschaltungen im Kopf eines Kindes zu gewissen Symptomen führen, werden wohl für jeden nachvollziehbar sein. Jedoch ist fraglich, ob diese mit einer Betäubungsarznei wie Retalin aus der Welt geschaffen werden kann. Meiner Meinung nach, sollte hier darauf ein klares „Nein“ folgen. Wesensverändernde Psychopharmaka Kindern in so jungen Jahren zu verabreichen, dessen heilende Wirkung nicht bestätigt werden können, ist meiner Meinung nach eine Straftat.

Um Piloten im zweiten Weltkrieg gefügiger zu machen, hat man ihnen Pilotenschokolade gegeben, die mit Retalin angereichert wurde. Sie machte Willenlos und erhöhte die Konzentrationsfähigkeit. (Vgl. Dokumentation-Saarländischer Rundfunk 2011)

Ich beziehe die Fakten auf die Realität, wo ich seit Jahren Kindern in den Schulen und in den Sportvereinen erlebe. Und ja, Kinder die auf einmal diese Drogen nehmen, sind anders und weisen Veränderungen ihres Charakters auf. Es bricht mir teilweise das Herz, wenn ich lebendige und aktive Jungs erlebe, die plötzlich zu „Zombies“ auf dem Schulhof werden, ihr Strahlen verlieren. Da frage ich mich, fällt es den Eltern nicht auf? Ist es genau diese Desinteresse der Eltern, Lehrer oder des allg. soziales Umfeldes, die das Kind erst dazu haben werden lassen? Weil die Stimulierung im Frontalhirn nicht ausreichend aktiviert wurde? Oder kann ein Kind dermaßen als Störfaktor wahrgenommen werden, dass man dieses Strahlen eintauscht, nur damit das Kind ruhiger und leichter im Umgang wird?

Des Weiteren bin ich erschrocken über die schlecht aufgeklärten Eltern. In der Vorlesung von Prof. Dr. Osburg haben wir in 90 Minuten kurze und umfangreiche Eindrücke zu Retalin bekommen. Die Tatsache müsste doch jeder Mutter oder jeden Vater wachrütteln, als der Erfinder und Psychologe L. Eisenberg kurz vor seinem Tod zugab, dass AD(H)S eine fabriziert Erkrankung sei und somit nur erschaffen wurde, um der Pharmaindustrie einen hoheren Umsatz zu verschaffen. Im Jahr 1993 worden noch 34 Kg AD(H)S-Medikamente verkauft, 2007 waren es bereits 1,7 Tonnen.Da fehlen mir die Worte, wenn die Pharmaindustrie „Kinder-Junkies“ als Konsummasse in kauf nimmt nur, um noch mehr Geld zu machen!

Ich bin der Meinung, dass Symptome von AD(H)S wirklich existieren und ernstzunehmend sind. Ich folge dem Gedanken von G. Hüther, dass eine adäquate Stimulierung im Frontalhirn wichtig ist, um selbstregulierende Prozesse zu fördern. Ob die „Symptome“ des AD(H) S ein Sammelsurium für nicht „selbstregulierende Verhaltensmuster“ ist, empfinde ich als zu undifferenziert. Was jedoch plausibel erscheint, wenn man der Tatsache ins Auge blickt, dass es keine Krankheit AD(H)S gibt und somit auch nicht dieses Kollektiv an Symptomen. Ich bin ganz klar dagegen einem Kind ein Mittel zu verabreichen, das nachweislich keine Symptome heilt, sondern nur unterdrückt. (Vgl. Osburg. 2017)

Unser Gehirn ist an dieser Stelle zu intelligent und erkennt, dass Ersatzstoffe / Drogen oder Ersatz-Prozesse nicht zu einer Kompensation des fehlerhaften Organismus führen. Wahre Emotionen, wahre Emphatie, wahre Reflektion des Selbstbildes des Kindes, die aus motivierten Situationen mit Vorbildern entstehen können, werden so nicht ersetzbar sein. Ich erlebe im Sport, nach 15 Jahren Praxiserfahrung, nie dieselbe beschriebene Symptomatik eines Kindes, wie sie teilweise von Eltern, Ärzten oder Lehrern von dem jeweiligen Kind beschrieben wurde.

Ich erlebe lebendige Kinder, die Interesse daran haben, gesehen zu werden. Keines der Kinder sehnt sich nach einem iPad in meinem Training, ganz im Gegenteil: Wir alle sind traurig, dass die Zeit so schnell verging.Ich sehe Kinder, die entdecken und darüber berichten wollen. Ich fühle ihre Euphorie für Kleines, auch wenn die Sache für mich eventuell unbedeutend ist, spüre ich dank dem Kind, etwas ganz Besonderes, dem ich dann Aufmerksamkeit schenke. In ihrer Welt, wollen sie nicht stören oder nerven. Das sollten wir lernen und erkennen. Zum Schluss lege ich meinen Bloglesern dieses YouTube Video ans Herz. Es beschreibt zwar mehrere Handycaps von Kindern, doch die Aussage ist gleich:
https://www.facebook.com/FreieMedien.2.0/videos/210662612678082/

Literatur

Czerny, Sabine:  Was wir Kindern in den Schulen antun…und wie wir das ändern können. 2011. München.

Hüther, Gerald 2011/ YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=O_t30BX7Duw

Hüther, Gerhald 2011/ YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=UMw-3K-6K9A

Osburg, Claudia: Vorlesung am 18.01.2017. Universität Hamburg.

Saarländischer Rundfunk: Ruhig gestellt und aufgepasst. 2011. https://youtu.be/UMw-3K-6K9AHa