Kampfkunst oder Kampfsport? Wo ist da der Unterschied?

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In dem folgenden Blog geht es um einen Abschnitt meiner Bachelor-Arbeit, wo ich die grundsätzlichen Unterschiede des Kämpfens im Sport-Sektor, wie Kampfkunst, Kampfsport und Selbstverteidigungs-Systeme aufzeige. Dabei berufe ich mich auf wissenschaftliche Literatur, dessen Quellen im unteren Teil des Artikels zu finden sind.

Warum ich diesen Teil veröffentliche? Es ist oft nie ganz klar, was nun zu wem gehört, selbst in einigen Dojo´s, Gym oder bei den Meistern selbst. Hier entstehen viele Fragen, wie z.B. :“ Ist der Unterschied zwischen Karate und Gongfu der, dass Karate Kampfsport und Gongfu Kampfkunst ist?“ oder: „Was ist wenn es um reine Selbstverteidigung geht? Ist dass dann immer Krav Maga?“

Mit diesem Artikel, kannst du evtl. in 5 Minuten die Fragen richtig beantworten:)

Es ist von Bedeutung, eine Unterscheidung zwischen Kampfsport, Kampfkunst (vgl. Liebl, 2013:32) und Selbstverteidigungs-Systemen vorzunehmen. Beginnend mit der Differenzierung von Kampfkunst und Kampfsport, wird in einem letzten Absatz die Abgrenzung zu Selbstverteidigungs-Systemen folgen.
Auch wenn die Begrifflichkeiten zur Hälfte aus dem gleichen Wort bestehen, ist eine deutliche Unterscheidung beim genaueren Betrachten zu erkennen.

Matthias von Saldern differenziert mit einer modifizierten Ausarbeitung von Zajnoc aus dem Jahre 2003, die Kampfkunst und den Kampfsport. Die Begriffe Kampfsport und Kampfkunst werden nach Zajnoc jeweils in zwei weitere Segmente unterteilt: in körperliche und in geistige Charakteristika (vgl. 2003:175 ff.) Die geistige Auseinandersetzung ist ein Teil der eigenen Entwicklung der individuellen Persönlichkeit (vgl. Happ, 1986:25 ff.). Das geistige Training in der Kampfkunst ist psychischer Natur und formt den Charakter durch Reflektion. Zudem soll sie die Wahrnehmung von der Innen- und Außenwelt und ein Verständnis von philosophischen Ansätzen, Regeln und Werten fokussieren (vgl. von Saldern, 2010:217 ff.).

Die Wertigkeit einer werteorientierten und philosophischen Etikette im Kampfsport sind von „oberflächlich(er)“ Natur (vgl. Zajonc, 2003:176 ff.). Auf eine Etikette, einer Art Werte- und Regelkodex, die einen philosophischen Hintergrund hat, wird im Kampfsport selten Bezug genommen.

Grundsätzlich besitzt Kampfsport für Jörg-Michael Wolters eine „Wettkampf- oder auch nur (breiten)sportliche Ausrichtung.“ (2008:17) Die „Kampfkunst ohne Etikette- ist keine. Sie ist dann zum bloßen Kampfsport verkommen“ (ebd., 2014:40 ff.). Das Fundament der geistigen Auseinandersetzung in Kampfsportarten bildet somit nicht ein maßgebender philosophischer Leitfaden, sondern eher ein wettkampforientiertes Regelwerk. Im Kampfsport sind die Regeln des Wettkampfs wie Gewichtsklassen, Zeitlimits, Trefferzonen, Schiedsrichterregeln, Turnierstrukturen, Punktesysteme etc. von zentraler Bedeutung (vgl. Reinisch, 2013:8). Kampfsport ist somit nicht vollkommen losgelöst von einem Regelwerk, jedoch ist die starke Akzentuierung durch Philosophie nicht präsent und kein ausschlaggebender Inhalt des Unterrichts.
„Das Üben der Etikette gilt als zentrale ´Säule´ und geistiger Schulungsweg der Kampfkunst, über den charakterformende Werte vermittelt werden“ (von Saldern, 2010:217), heißt es bei von Saldern im Zusammenhang mit der Kampfkunst. Die Etikette beinhaltet zusätzlich Sittenformen für einen gewaltfreien Umgang mit sich selbst, Gesellschaft sowie Lebewesen, zumeist angelehnt an den Buddhismus (vgl. Happ, 1986:5; Zhouxiang, 2019:8). Sie erwachsen historisch in die Zeit 496 n. Chr., wo buddhistische Mönche aus Indien die philosophischen Ansätze und Werte des (Chan-)Buddhismus in China verbreiteten und am Kaiserhof zur Kultivierung des Kriegsheer Anwendung fanden. Der Chan-Buddhismus assimilierte die Kriegskunst hin zu einer Kampfkunst (vgl. ebd., 2019:9 ff.). Der Buddhismus hat weitere asiatischen Kampfkünsten, u.a. das japanische Budo, beeinflusst und ist ebenfalls in vielen gesellschaftlichen Kulturen im asiatischen Raum verankert (vgl. Tiwald, 1981:32).
Eine in der Forschung wichtige theoretische Auseinandersetzung bewegt sich in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung, genauer auf den Umgang und die Wertigkeit von Siegen und Verlieren (vgl. Happ, 1986:19 ff.). Die Summe von Misserfolgen und Erfolgen prägen im Kampfsport die Persönlichkeitsentwicklung: „Aufbau des Selbstbewusstseins („innere Stärke“) durch Orientierung an äußerlich messbare Kraft und Erfolge“ (vgl. von Saldern, 2010:217). Das heißt, von außen bedingte Reaktionen, wie Rivalität, Konkurrenzdenken und Machtgefühl gegenüber anderen, werden hierdurch provoziert, da das Ziel der eigene Sieg ist. Der Fokus ist ein Machtverhältnis, dass es zu dominieren gilt und ein gestärktes Selbstbewusstsein, dass die Persönlichkeit formt. Das Verlieren gilt als Schwäche und soll durch Kompensation vermieden werden. Kampfsport kann somit zu negativen Persönlichkeitsentwicklungen beitragen und kooperierende Grundhaltungen beim Sporttreiben in den Hintergrund stellen.
Der Fokus bei der Persönlichkeitsentwicklung in der Kampfkunst liegt in der eigenen Charakterentwicklung. Damit ist die „Konzentration auf die korrekte Einstellung (innere Haltung) beim Üben“ gemeint, die „durch (eine) selbstkritische Auseinandersetzung“ (vgl. ebd., 2010:217) mit den eigenen Stärken und Schwächen zur Kultivierung führt. Hierdurch erlangt der Schüler von innen heraus ein Selbstbewusstsein, das letztlich auf Kommunikation und einem positiven Umgang mit der Umwelt beruht. So bildet sich eine „Kunst der Lebensführung“ (Ni, 2017:21) aus der Kampfkunst heraus.
Die selbstkritische Auseinandersetzung mit sich selbst im Training ist ein weiteres wichtiges Element, das den SuS in der Kampfkunst beigebracht wird. Hierbei ist auch das Reflektieren eigener Emotionen gemeint, die immer eine wichtige Rolle bei solchen Auseinandersetzungen haben. „Kampf ist […] von einer wut-,haß- [sic!] und angstfreien, gelassenen Konzentration begleitet, die Grundlage der Optimierung der psychischen Kampfkraft ist“ (Tiwald, 1981:45).
Die Effektivität einer Technik im Kampfsport ist das Mittel für einen schnellen Sieg (vgl. von Saldern, 2010:216). Jedoch lässt sich auf eine monotone körperliche Entwicklung des Schülers schließen, da nach von Saldern anhand von „wettkampforientierten Bewegungsformen“, „kampfstillspezifisch einseitige Körperarbeit“ und „bestimmter konditioneller Faktoren“ (vgl. ebd., 2010:216) trainiert werden muss, um den Kontrahenten überlegen zu sein. Die Einseitigkeit der Übungen können dadurch eine spezifische Entwicklung von Fähigkeiten hervorrufen, jedoch wird sie dem vielfältigen und auch ästhetischen Potential nicht gerecht, dass das Bewegungsfeld Kämpfen bereithält (vgl. ebd., 2010:218.ff.). Die körperlichen Charakteristika in der Kampfkunst hingegen dienen als Mittel zur Selbsterfahrung und haben somit „nicht das Siegen (als Ziel), sondern dienen der Vervollkommnung körperlicher (und geistiger) Fähigkeiten“ (vgl. ebd., 2010:217). Dabei werden ästhetische Aspekte in komplexe Bewegungen, auf einer ganzkörperlichen Grundausbildung im Training, angewendet. Es sind die Kampfchoreographien, die das „Üben traditioneller Elemente“ (vgl. ebd., 2010:216) ermöglichen. Hierbei wird zu Beginn der Ausbildung auf den direkten Kontakt verzichtet und fordert stattdessen eine geistige Visualisierung des Gegners, die dabei das körperliche Training auf eine kognitive Ebene hebt. Hierdurch können Techniken auch ohne Körperkontakt durchgeführt werden und vermitteln zusätzlich noch Rhythmusgefühl, Orientierung im freien Raum (ohne und mit Partner) sowie Koordination von mehrdimensionalen Techniken.
Die Klassifizierungen nach geistigen und körperlichen Charakteristika lassen sich auch im Bereich der Selbstverteidigungssysteme anwenden. Zielgruppe dieser Systeme, die lange Zeit keine Anwendung in der zivilen Bevölkerung fanden, waren und sind teilweise immer noch ausschließlich Fachkräfte, Spezialeinheiten des Militärs und Polizeiorgane (vgl. Staller, 2018:60). Erst in den letzten Jahrzehnten wurde eine sportive und geistige Ebene ausformuliert, um den kommerziellen Rahmen zu erweitern (vgl. ebd., 2018:60 ff.). „Die Ausweitung der Zielgruppe von Trainingsangeboten über hoch spezialisierte Nutzergruppen (Polizei, Militär etc.) hinaus, ermöglichte einen höheren Teilnehmerkreis und damit einen größeren Gewinn.“ (vgl. ebd., 2018:61) In Selbstverteidigungssystemen, wie am Beispiel von Krav Maga, wird diesbezüglich über mögliche moralische Aspekte spekuliert, jedoch aufgrund der eingeschränkten Quellen und mündlichen Überlieferung ist dies wissenschaftlich nicht untermauert (vgl. ebd., 2018:60). Lichtenfeld, der Begründer von Krav Maga formulierte folgende Grundsätze: „Do not get hurt“ oder „become proficient so you dont have to kill” (Lichtfeld, 2001:3 ff.), die die geistige Haltung im Training widerspiegeln. Es geht um das Überleben, das durch jegliches Mittel gesichert werden soll, denn:

„Jene, die körperlich und geistig trainieren, um einem Angriff zuvorzukommen und, wenn nötig, die Gewalt mit überwältigender Gegengewalt abzuwehren, werden ganz anders reagieren als Menschen, die völlig unvorbereitet sind. […] Das Ziel von Krav Maga ist es, einen Angreifer schnell und definitiv aus dem Verkehr zu ziehen.“
(vgl. Kahn, 2020:2)

Bei diesem Zitat wird deutlich, dass es bei Krav Maga um eine Überschreitung der eigenen moralischen und ethischen Wertvorstellungen geht, die es im Notfall zu überschreiten gilt. Auch das körperliche Training basiert auf technischen Prinzipen, die ihre „Effektivität der Kraftausübungen in den Mittelpunkt des Handels (stellen)“ (Staller, 2018:58). Es geht dabei um die kürzeste, effektivste, schnellste und natürlichste Angriffstechnik. Dabei ist Drill, Wiederholung und „Grenzerfahrung als eine systematische Vorbereitung auf mögliche gewalttätige Situationen entsprechen“ vorgesehen (vgl. ebd., 2018:60).

Das Grundprinzip des Kämpfens lässt sich aufgrund der ein- oder mehrdimensionalen Herangehensweisen in den Sektoren auseinander dividieren. Je geringer die innere und charakterliche Arbeit ist, desto näher befindet sich die Art des Kämpfens im Kampfsport-Bereich. Sollte die körperliche Ausbildung nur auf kurzen und leichten, anstatt multifunktionalen und ganzheitlichen Prinzipien beruhen, findet man sich im Bereich der Selbstverteidigungs-Systeme wieder. Die Komplexität der geistigen und körperlichen Ausbildung ist am höchsten in der Kampfkunst. Man kann jedoch festhalten, dass der Übergang zwischen Kampfkunst und Kampfsport an vielen Stellen fließend ist und Aspekte der Kampfkünste auch in Kampfsportarten und anders herum zu finden sind.

 

Quellen:

BEUDEL, Wolfgang (2017): Mit/gegen Partner kämpfen. In: Sportdidaktik- Grundlagen-Vermittlungsformen- Bewegungsfelder. Volker Scheid / Robert Prohl (Hrgs.), Wiebelsheim, Deutschland: Limbert Verlag, S. 274- 289.

HAPP, Sigrid (1983): Judo und Persönlichkeit. Band 4. Tiwald, Horst (Hrsg.). Ahrensburg bei Hamburg, Deutschland: Verlag Ingrid Czwalina.

HAPP, Sigrid (1998): Zweikampfsport mit Kontakt. In: Sportpädagogik, Heft 5. Hannover, Deutschland: Friedrich Verlag, S. 13-23.

HAPP, Sigrid (2010): Kämpfen – eine Beziehungslehre. In: Bewegungspädagogik. Band 9. Laging, Ralf (Hrsg.): Baltmannsweiler, Deutschland. Schneider Verlag Hohengehren, S. 145-157.

LICHTENFELD, Imrich /Eyal Yanilov (2001): Krav Maga – How to Defend yourself against armed Assault. Tel Aviv, Isreal: Dekel Publishing House.

LIEBL, Sebastian (2013): Macht Judo Kinder stark? Wirkung von Kämpfen im Schulsprort auf psychische und psychosozilae Ressourcen. Aachen, Deutschland: Meyer und Meyer Verlag.

LIEBL, Sebastian (2017): Kompetenzorientierte Lehrerausbildung im Bewegungsfeld “Kämpfen”- ein konzeptioneller Beitrag für die Lehre. In: 6. Jahrestagung der dvs-Komission  “Kampfkunst und Kampfsport” vom 6.-8. Oktober 2016 in Köln. Köln, Deutschland: Feldhaus Verlag, S. 160- 170.

KAHN, David (2020): Selbstverteidigung mit Krav Maga- wie Sie sich gegen die häufigsten Angriffe erfolgreich wehren. Hamburg, Deutschland: Nikol Verlag.

KURZ, Dietrich (2008): Der Auftrag des Schulsports. In: Sportunterricht, Heft 7, Schorndorf, Deutschland: Hofmann-Verlag, S 1-8.

NI, Peimin (2017): Kung-Fu für Philosophen. In: Von Kung-Fu bis Lady Power 33 Übungen in moderner Philosophie. Catapano, Peter/ Simon Critchley (Hrsg.). Hamburg, Deutschland: Springer-Verlag, S. 21- 27.

STALLER, Mario (2018): „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“ – die ethische Dimension des Selbstverteidigungssystems Krav Maga. In: Kraft, Körper und Geschlecht. Bockrath, Franz Bockrath/ Kathrin Schulz (Hrsg.) Berlin, Deutschland: Lehmanns Verlag.

TIWALD, Horst (1981): Psycho-Training im Kampf – und Budo-Sport zur theoretischen Grundlegung des Kampfsports aus der Sicht einer auf dem Zen-Buddhismus basierenden Bewegungs- und Trainingstheorie. Hamburg, Deutschland: Verlag Ingrid Czwalina.

ZAJONC, Olaf (2010). Kämpfen als Gewaltprävention? – ein Umriss. In: Meisterung des Ichs- Budo zur Gewaltprävention? Von Saldern, Mario (Hrsg.), Norderstedt, Deutschalnd: Books on Demand, S. 151-171.

ZAJONC, Olaf (2011). Bedingungen des Kämpfens als Mittel zur Gewaltprävention. In: Kampfsport und Kampfkunst in Forschung und Lehre 2011. Kuhn, Peter/  Harald Lange/ Thomas Leffler/ Sebastian Liebl (Hrsg.) Hamburg, Deutschland: Feldhaus Edition Czwalina,  S. 175-188.

ZHOUXIANG, Lu (2019): A History of Shaolin. New York, United States of America: Routledge.